April 2022

Das Projekt Fidanza bringt neue Perspektiven

Der VESO übernimmt per Januar 2023 vom Kanton Zürich die kantonale Werkstatt Hardundgut in Embrach. Diese bietet 50 Arbeitsplätze in sieben verschiedenen Arbeitsbereichen, mit dem Gartenbau als Flaggschiff. Bekanntes Aushängeschild ist das einzigartige Gartenbrockenhaus.

 

Umringt von flughafennahen Logistikbetrieben be­findet sich am äussersten Sporn von Embrach auf dem Hard-Areal eine grossräumige Überbauung. Verschiedene soziale Einrichtungen haben dort einen Platz gefunden, so beispielsweise die Integrierte Psychiatrie Winterthur (IPW), das Pflegezentrum Embrach, die Wohngruppe Hardoskop und schliesslich die Werkstatt Hardundgut.

 

Ursprünglich gehörte Hardundgut zum Psychiatriezentrum Hard und diente als Tagesangebot für Patientinnen und Patienten. 2008 reorganisierte der Kanton die psychiatrische Versorgung in den Regionen Winterthur und Zürcher Unterland. In diesem Zusammenhang übertrug die Gesundheitsdirektion den Betrieb 2010 dem Kantonalen Sozial­amt, da dieses für die längere Begleitung und Betreuung von Menschen mit Behinderung zuständig ist. Dadurch wurde Hardundgut wie andere Werkstätten klar als soziale Institution positioniert.

 

2020 hat das Kantonale Sozialamt entschieden, Hardundgut auszugliedern und einer privaten Trägerschaft zu übergeben. Mit dem VESO fand der Kanton den geeigneten Partner. Aktuell befindet sich der Übergabeprozess in vollem Gang. «Fidanza» lautet der sprechende Projekttitel, was auf Rätoromanisch «Vertrauen» bedeutet. Vertraut ging es auch am Gespräch am Runden Tisch zu und her.

 

VESO Perspektiven sprach mit den drei Projektverantwortlichen Andrea Lübberstedt, Chefin des Kantonalen Sozialamts, Diego Farrér, Geschäftsleiter VESO, und Hans Peter Haeberli, Präsident VESO.

 

VESO Perspektiven: Aus welchem Grund überträgt der Kanton Zürich die Werkstatt Hardundgut an einen privaten Träger?

Andrea Lübberstedt (AL): Hierfür gibt es zwei Hauptgründe. Hardundgut ist derzeit Teil des Sozialamts des Kantons Zürich. In einer Verwaltung ist ein Werkstattbetrieb wie Hardundgut, der Dienstleistungen unter betriebswirtschaftlichen Grundsätzen erbringen und sehr flexibel auf die Auftraggeber und den Markt reagieren muss, nicht optimal aufgehoben – denn genau diese Flexibilität fehlt dem Kanton in seiner Verwaltungslogik. Zugleich ist das Sozialamt Auftraggeber privater gemeinnütziger Vereine und Stiftungen, die in einem ähnlichen Bereich wie Hardundgut tätig sind. Dies führt zu einem Konflikt, denn der Kanton kann die privaten Institutionen natürlich nicht konkurrenzieren. Daher ist es sinnvoller, Hardundgut aus dem Sozialamt auszugliedern.

 

VESO Perspektiven: Wie kam die Zusammenarbeit des Kantons Zürich mit dem VESO zustande?

AL: Als Leiterin des Sozialamts unterschreibe ich jeweils die Leistungsvereinbarung mit dem VESO, deshalb waren mir sein Wirken und Angebot ein Begriff. Der VESO ist eine sehr erfolgreiche und gut etablierte Institution.

Hans Peter Haeberli (HH): Der VESO verfügt bereits über Erfahrung bei der Integration von Institutionen in den Betrieb. Schon im Jahr 2000 hat er die Werkstätte Konkordia übernommen, die damals der Psychiatrie in Rheinau angegliedert war. Die Ausgangslage war also ähnlich wie jetzt beim Hardundgut.

AL: Für uns war es darüber hinaus sehr wichtig, das Projekt mit einer Institution durchzuführen, die von der Kultur und den Werten her ähnlich ist wie Hardundgut.

Diego Farrér (DF): Absolut. Beim laufenden Prozess bestätigt sich, dass die Kulturen und Werte der beiden Institutionen tatsächlich sehr nahe sind. Diesbezüglich ist also ein guter Boden vorhanden, um Hardundgut und den VESO zusammenzuführen. Zugleich arbeiten wir auf kantonaler Ebene ja schon seit vielen Jahren mit dem Sozialamt zusammen. Das Sozialamt ist ein wichtiger und verlässlicher Partner für uns.

 

VESO Perspektiven: Gibt es einen Moment während der bisherigen Zusammenarbeit, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

HH: Für mich ist es eine Reihe von Momenten, die mir in Erinnerung geblieben sind. Sehr präsent ist mir unsere erste Begegnung mit Andrea Lübberstedt, als wir sie im VESO Möbelverkauf begrüssen durften. Bereits bei diesem Treffen stellte sich das Gefühl ein, ein perfektes Team zu sein. Dies bedeutet nicht, dass wir uns in allem einig waren – es gab im Verlauf des Prozesses intensive Diskussionen, aber die Einstellung war auf beiden Seiten stets positiv und wir sind auch in strittigen Punkten aufeinander zugegangen. Ich spürte trotz vieler offener Fragen bei allen Beteiligten immer die Bereitschaft, sich auf das Projekt einzulassen und Garantien zu liefern.

AL: Tatsächlich hatten wir uns vor der Begegnung im Möbelverkauf nur schriftlich ausgetauscht. Bei unserem ersten persönlichen Treffen vor Ort diskutierten wir so ergiebig und vertraut, dass mein Terminplan durcheinandergeriet. Diego Farrér hat mich dann verdankenswerterweise spontan mit dem Auto zu meinem nächsten Termin gefahren. Diese Intensität von Beginn weg ist mir in Erinnerung geblieben.

 

VESO Perspektiven: Das Projekt Fidanza bedeutet für den VESO eine räumliche und inhaltliche Erweiterung. Welche Chancen und Risiken sind damit verbunden?

DF: Uns bietet die Übernahme von Hardundgut die Möglichkeit, das agogische Angebot und den sozialpsychiatrischen Wirkungskreis des VESO über die Winterthurer Stadtgrenze hinaus zu erweitern. Bereits jetzt fährt der VESO eine Mehr-Standorte-Strategie – die Werkstätten und Wohngemeinschaften befinden sich in verschiedenen Quartieren. Der Gartenbau als Aushängeschild von Hardundgut ist prädestiniert dafür, auf dem Land angesiedelt zu sein, sodass der Standort Embrach Sinn ergibt. Auf jeden Fall gilt es aber unter den neuen Voraussetzungen noch mehr zu reflektieren, dass neben den einzelnen Standorten mit ihrem je spezifischen Fokus auch übergeordnete Werte und eine übergeordnete Kultur gepflegt werden.

 

VESO Perspektiven: Welches sind die konkreten Veränderungen, die mit dem Projekt Fidanza anstehen? Welche Unsicherheiten sind damit verbunden?

DF: Klar ist: Der Projektfahrplan ist eng gesteckt. Dies hat zum einen den Vorteil, dass wir möglichst zeitnah für klare Verhältnisse gegenüber den Fachmitarbeitenden sowie Mitarbeitenden sorgen können. Andererseits führt der schnelle Takt zu viel Arbeit im Hintergrund für alle Beteiligten – das ist sicher eine Herausforderung, schon rein vom Organisato­rischen her. Ansonsten steht und fällt das Projekt mit einer guten Kommunikation. Wir versuchen stets gut zu informieren, und zwar sowohl über die Gründe und Motive der Ausgliederung als auch die Art und Weise, wie sie vollzogen wird. So erhalten alle Beteiligten Planungssicherheit und wissen, wohin die gemeinsame Reise führt.

 

VESO Perspektiven: Die Fachmitarbeitenden und auch die Mitarbeitenden sind hier angesprochen. Was verändert sich für diese konkret?

AL: Für uns war es eine Grundvoraussetzung, dass alle Fachmitarbeitenden vom VESO übernommen werden und so eine konkrete Zukunftsperspektive erhalten. Sie sind es, die mit viel Herzblut hier arbeiten. Dieser Punkt war für uns nicht verhandelbar und darum freut es mich, dass wir das Versprechen einlösen können. Dasselbe gilt für die Mitarbeitenden (Klientinnen/Klienten). Dennoch ist die Veränderung gross und daher mit Unsicherheiten verbunden. Der VESO ist ein neuer Arbeitgeber, der als Verein andere Strukturen aufweist als der Kanton. Der grosse Vorteil ist: Im Gegensatz zum Sozialamt hat der VESO nicht noch diverse andere Aufgabenbereiche, sondern fokussiert sich ganz auf Angebote für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Ich denke, dass diese Fokussierung für den Standort Embrach per se ein Gewinn ist.

 

VESO Perspektiven: Hardundgut gibt es ja schon seit Jahrzehnten. Der Betrieb hat eine eigene Identität, ist eine eigene Marke ...

HH: Die Marke Hardundgut wird verschwinden, das ist klar. Aber wir bekennen uns unter dem Label VESO zum Standort Embrach und stärken die seit Jahrzehnten aufgebaute Expertise im Gartenbau. Hier möchten wir unseren Fokus setzen.

DF: Der Gartenbau ist das Flaggschiff in Embrach und eröffnet für unsere Mitarbeitenden ein weiteres attraktives Arbeitsfeld, das sich deutlich von den bisherigen Angeboten des VESO unterscheidet und vor allem auch Menschen anspricht, die gerne draussen arbeiten. Ein grosser Vorteil des Bereichs Gartenbau ist, dass er konkrete Anknüpfungspunkte zum ersten Arbeitsmarkt bietet. Es handelt sich um eine Sparte mit Zukunft. Grosse Freude bereitet uns das Gartenbrocki. Es ist ein innovatives Projekt und in dieser Form wohl einmalig in der Schweiz.

AL: Aus Sicht des Sozialamts ist es schön zu wissen, dass sich der VESO zum Standort Embrach bekennt. Hier gibt es bereits eine treue Stammkundschaft. Diese lokale Verwurzelung ist uns wichtig und es freut mich persönlich sehr, dass sich der VESO bereits jetzt mit den Stärken von Hardundgut identifiziert und für Kontinuität sorgen will.

VESO Perspektiven: Wie geht es jetzt weiter? Wo ist man mit dem Standort Embrach in fünf Jahren?

HH: Die Übernahme wird wohl rollierend erfolgen. Der Stichtag ist aber der 1. Januar 2023.

DF: Ich denke, dass der Standort Embrach spätestens in fünf Jahren ein selbstverständlicher Teil des VESO sein wird. Hier müssen wir noch einiges an Hausaufgaben machen, aber wie schon bei der Übernahme der Werkstatt Konkordia heisst unser Credo: «Wir arbeiten zusammen!» Wenn ein gemeinsames Ziel besteht und wir gemeinsam in dieselbe Richtung gehen, dann entstehen Freude und die ­Fähigkeit, auch wirklich etwas bewegen zu können.

AL: Genau. Es geht jetzt darum, Menschen und Kulturen zusammenzubringen und neugierig darauf zu sein, was daraus entsteht.